Achtung: Bericht zum BISp-Workshop vom 10.12.2008 erschienen!
„Sportpsychologische Betreuung des deutschen Olympia- und Paralympic-Teams 2008 – Erfolgsbilanzen, Erfahrungsberichte, Perspektiven“
(in Kooperation mit dem DOSB und der asp)
Einleitung
Die sportpsychologische Betreuung hat im Vorfeld der Olympischen Spiele von Peking in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Aufwuchs erlebt. Für die letzten Olympischen Sommerspiele in Athen 2004 waren erstmalig systematische und langfristige sportpsychologische Betreuungsprojekte für die Spitzenverbände mit Hilfe vielfältiger finanzieller, struktureller und organisatorischer Maßnahmen von Seiten des BMI, BISp, DOSB und asp und initiiert worden. Diese sportpsychologischen Betreuungsmöglichkeiten wurden von nahezu allen Spitzenverbänden zur Vorbereitung auf die Spiele 2004 und 2008 wahrgenommen, was einerseits sicherlich einen großen Erfolg zur Verankerung der sportpsychologischen Betreuung im Spitzensport dargestellt hat. Andererseits waren 2004 jedoch bei den Olympischen Spielen in Athen keine akkreditierten sportpsychologischen Experten „vor Ort“ mit dabei, was im Nachhinein insbesondere von vielen Aktiven sehr bedauert worden ist. Für die Paralympics 2004 stand zumindest eine sportpsychologische Betreuerin für die Sportschützen des DBS als vollakkreditiertes Teammitglied zur Verfügung.
Bis 2008 ist die positive Entwicklung der sportpsychologischen Betreuung weiter vorangeschritten: sportpsychologische Betreuungsmaßnahmen laufen mittlerweile in fast allen Spitzenverbänden systematisch und langfristig im TOP-Team-Bereich. Gleichzeitig ist in immer mehr Verbänden die Bereitschaft und Umsetzung einer langjährigen frühzeitigen Einbindung sportpsychologischer Maßnahmen im Nachwuchsleistungsbereich bis hin zum Seniorenalter erkennbar. Mit Blick auf die Olympischen Spiele 2008 haben dieses Jahr erfreulicherweise sogar zehn Spitzenverbände sportpsychologische Experten für die Olympischen Spiele nach China zur Betreuung der Aktiven vor Ort mitgenommen. Auch dies kann als weiterer wichtiger Meilenstein in dem Prozess der endgültigen Etablierung der sportpsychologischen Betreuungsarbeit im Spitzensport angesehen werden. Dagegen stand für die Paralympics 2008 den Athletinnen und Athleten leider keine sportpsychologische Betreuung vor Ort zur Verfügung.
Im Jahr von Olympischen und Paralympischen Spielen finden zur Erfolgsanalyse dieser sportlichen Großereignisse von allen involvierten Institutionen und Beteiligten zahlreiche Aktivitäten statt. Dazu gehört natürlich auch eine aussagekräftige Berichterstattung und Analyse der sportpsychologischen Betreuung von Spitzenathletinnen und Spitzenathleten für die Olympischen Spiele und Paralympics. Nur so ist eine zukünftige Einbeziehung und Förderung sportpsychologischer Maßnahmen im Spitzensport zu gewährleisten.
Um diesen Forderungen nachzukommen, hat einerseits der DOSB zur internen Nachbereitung der sportpsychologischen Arbeit in Peking im Nachgang an die Olympischen Spiele im Oktober 2008 ein Arbeitstreffen in Frankfurt mit den für die OS involvierten sportpsychologischen Betreuern organisiert.
Mit dem offenen BISp-Workshop „Sportpsychologische Betreuung des deutschen Olympia- und Paralympic-Teams 2008 – Erfolgsbilanzen, Erfahrungsberichte, Perspektiven“ am 10. Dezember 2008, sollte andererseits allen Interessierten Gelegenheit gegeben werden, Einblick in die erfolgte sportpsychologische Betreuung von Spitzenathletinnen und Spitzenathleten bei den Olympischen Spielen und Paralympics zu erhalten. Gleichzeitig sollte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Diskussionsplattform geboten werden zum Austausch, offene Fragen und Problembereiche zu erörtern und vielleicht auch schon mögliche Lösungsansätze für die weitere Optimierung der sportpsychologischen Betreuungsarbeit im deutschen Nachwuchsleistungs- und Spitzensport gemeinsam zu diskutieren.
Wie schon im Nachgang der Olympischen Sommerspiele in Athen, wird auch nach den diesjährigen Olympischen du Paralympischen Sommerspielen voraussichtlich im April 2009 ein Berichtsband zum Workshop mit den unten angeführten Beiträgen zur sportpsychologischen Beratung und Betreuung für Peking, aber auch mit weiteren Erfahrungsberichten über die sportpsychologische Arbeit im Spitzensport vom BISp herausgegeben werden.
Zu den Workshopinhalten am 10. Dezember 2008 in Bonn beim BISp
Insgesamt fand der Workshop trotz der recht kurzfristigen Bekanntmachung eine große Resonanz: insgesamt nahmen an der Veranstaltung 67 Personen teil, wobei neben sportpsychologischen Experten aus Deutschland, Holland und Österreich auch zahlreiche Olympiastützpunkt- und Abteilungsleiter, Bundes- und Landestrainer/innen und Vertreter aus der Sportwissenschaft dabei waren.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des BISp-Workshops am 10.12.2008
Zu Beginn des Workshops begrüßten Direktor Fischer (BISp), Herr John in Vertretung für den DOSB und Prof. Dr. Beckmann als Vorsitzender der asp die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Dabei wurde neben dem guten Teamwork der Förderinstitutionen des BISp, DOSB und der asp insbesondere die Bedeutung der bisher geleisteten und zukünftig zu erwartenden Arbeit der im Spitzensport tätigen sportpsychologischen Experten für den Spitzensport hervorgehoben.
Nachfolgend erfolgt eine kurze Beschreibung zu den einzelnen Veranstaltungsthemen.
Sportpsychologische Betreuung für Peking 2008: Olympiaförderung durch BISp und DOSB
Im ersten Veranstaltungsblock wurden aktuelle Informationen rund um die Sportpsychologie im Spitzensport beim BISp gegeben (PD Dr. Neumann, BISp) (Power Point Präsentation).
Wie schon in den Jahren davor sind zur Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele über das BISp und DOSB zusammen mit seinen Spitzenverbänden zahlreiche sportpsychologische Betreuungsprojekte initiiert und (mit)finanziert worden. In seinem Vortrag erfolgte von Prof. Dr. Jan Mayer ein Rückblick und Überblick über die Entwicklungen der sportpsychologischen Betreuungsarbeit im Spitzensport in den letzten Jahren, mit besonderer Berücksichtigung der über den DOSB koordinierten Betreuungsprojekte (Power Point Präsentation).
Berichte aus einzelnen sportpsychologischen Betreuungsprojekten
Wie vielfältig und unterschiedlich die sportpsychologische Arbeit mit den Topathletinnen und -athleten angesetzt und durchgeführt wurde, wurde anschließend in neun Einzelbeiträgen von den betreuenden sportpsychologischen Experten für die Sportarten Schwimmen (Dipl.-Psych. Monika Liesenfeld, OSP Berlin), Wasserspringen (Prof. Dr. Oliver Stoll, Halle), Reiten (Dr. Gaby Bussmann), Boxen (Dipl.-Psych. Gregor Kuhn, Gießen), Fechten (Dipl.-Psych. Lothar Linz; Köln), Ringen / Taekwondo (Werner Mickler, Köln) und Badminton (Dipl.-Psych. Oskar Dawo + Bundestrainer Detlev Poste) beschrieben. Leider musste der geplante Vortrag zur Sportart Leichtathletik aus Krankheitsgründen von Dr. Heiner Langenkamp (Bochum) ausfallen.
Einige Referenten "bei der Arbeit"
Für den Behindertensport führte Dipl.-Psych. Andrea Eskau als neue Fachgebietsleiterin Behindertensport (BISp) und Goldmedaillengewinnerin im Handbiking beim Straßenrennen in Peking 2008 in die Thematik ein (Power-Point-Präsentation). Als Beispiele für die sportpsychologische Betreuungsarbeit zur Vorbereitung auf die Paralympics dienten die Sportarten Handbiking (Dipl.-Psych. Andrea Eskau, BISp) und Behindertensport-Schwimmen (Dr. Anke Delow, Potsdam).
Dipl.-Psych. Andrea Eskau und Dr. Anke Delow
Perspektiven der sportpsychologischen Betreuung nach Peking 2008 – offene Fragen aus Sport und Wissenschaft
Die nachfolgende sehr lebhafte Diskussion mit allen Anwesenden wurde von Prof. Dr. Beckmann und PD Dr. Neumann (BISp) moderiert. Folgender Handlungsbedarf bzw. „offene Baustellen“ zur Optimierung der sportpsychologischen Arbeit im Spitzensport wurden beschrieben:
Strukturelle, verbandsspezifische, organisatorische Probleme bei der sportpsychologischen Betreuung der TOP-Teams
Für die geleistete sportpsychologische Arbeit bei den OS in Peking wird von den beteiligten sportpsychologischen Betreuern eine positive Bilanz gezogen. Die Verbände und Aktiven haben die sportpsychologische Arbeit zur Vorbereitung auf Peking und vor Ort sehr intensiv genutzt. Sowohl im Vorfeld der OS als auch vor Ort gab es allerdings einige organisatorische und strukturelle Mängel, die die sportpsychologische Arbeit erschwert haben und für die es für zukünftige sportliche Großveranstaltungen Verbesserungsbedarf gibt.
Dazu gehörten im Vorfeld der OS folgende Aspekte:
- Aufgrund der teilweise sehr späten Athletennominierungszeitpunkte der Spitzenverbände und des DOSB war der notwendige langfristige und frühzeitige (auf den sportlichen Leistungshöhepunkt bezogene) Einstieg der sportpsychologischen Arbeit zur Vorbereitung der Aktiven auf sportliche Großereignisse wie den OS teilweise bzw. nicht ausreichend möglich. Hier stellt sich die Frage, ob und in welcher Form der DOSB und die Verbände zusammen mit den in der Praxis des Spitzensports tätigen sportpsychologischen Experten frühere und systematische sportpsychologische Betreuungskonzeptionen der Top-Athletinnen und -athleten zur Vorbereitung auf sportliche Großereignisse entwickeln können.
- Aufgrund der späten Akkreditierungszeitpunkte für alle Beteiligten entstand teilweise große Planungs- und Handlungsunsicherheit für die Athletinnen / Athleten und Betreuer.
Organisatorische Mängel vor Ort bei den OS betrafen insbesondere:
- teilweise Wechselakkreditierungen ohne Zugang zum Olympischen Dorf oder Möglichkeit zum direkten Austausch mit den Aktiven
- kein eigener Besprechungsraum (z.B. fanden Mannschaftsbesprechungen teilweise in Garagenunterführungen statt)
- kein Austausch zwischen den anwesenden sportpsychologischen Betreuern aufgrund fehlender Informationen bzgl. Anwesenheit, Unterkunft, Kontaktdaten etc.
Kriseninterventionen vor Ort
- In Peking wurde wieder einmal deutlich, dass aufgrund der besonderen Anforderungen bei sportlichen Großveranstaltungen der Bedarf an akuten und schnellen sportpsychologischen Kriseninterventionen sehr groß ist – dies betrifft alle Anwesenden (Trainer / Betreuer / Athleten / Funktionäre). Die sportpsychologische Betreuung vor Ort bei solchen sportlichen Großveranstaltungen ist demnach insbesondere für akute Kriseninterventionen absolut notwendig. Nach den Erfahrungen von Peking / Hongkong sprechen sich insbesondere die dort aktiv teilgenommenen sportpsychologischen Betreuer für die Berücksichtigung und Mitnahme von sportpsychologischen Experten zu solchen sportlichen Großereignissen aus. Da auch in Zukunft nicht alle Spitzenverbände „ihre“ sportpsychologischen Betreuer mitnehmen werden können, wird vorgeschlagen, eine verbandsübergreifende sportpsychologische Anlaufstelle vor Ort für solche Krisensituationen einzurichten, in denen entweder die anwesenden sportpsychologischen Betreuer der Verbände diese Aufgaben wechselseitig übernehmen oder eine zusätzliche Person als verbandsübergreifender sportpsychologischer Experte tätig sein könnte.
Sportpsychologische Aus- und Fortbildung der Trainer
- Sportpsychologische Kenntnisse müssen frühstmöglich in die Traineraus- und Fortbildung vermittelt werden: dies betrifft einerseits den Transfer von neuen empirisch abgesicherten sportpsychologischen Trainingsmethoden und -verfahren nach der Entwicklungs- und Evaluationsphase (üblicherweise über Forschungsprojekte). Andererseits betrifft dies den systematische Aufbau der Trainerausbildung – in den Spitzenverbänden fehlt in der Regel nach wie vor eine systematische aufeinander aufbauende sportpsychologische Aus- und Fortbildung von den ersten Trainerscheinen hin bis zum A-Trainer und Diplom-Trainer.
Aufbau, Status, Bewertung und Fortbildung der sportpsychologischen Arbeit
- Für eine optimale sportpsychologische Betreuung der Topathleten ist trotz zunehmender Bereitschaft der Verbände immer noch einige Entwicklungsarbeit zu leisten. Dabei müssen einerseits sportpsychologische Konzeptionen in den gesamten Förderprozess vom Nachwuchsleistungsbereich bis hin zum Top-Team gemeinsam vom Verband und den beteiligten sportpsychologischen Experten entwickelt und integriert werden. Andererseits gehört dazu auch die verstärkte Berücksichtigung der sportpsychologischen Betreuung des Trainer- und Betreuerstabs für und bei sportlichen Großereignissen und im alltäglichen Trainingsprozess.
- Idealtypisch sollte eine Einbindung der sportpsychologischen Betreuer als Teil des Trainerstabs vor Ort am Trainingsort / an der Trainingsstätte angestrebt werden. Bundestrainer Poste (Badminton-Verband) hat mit dieser Konstellation (Verbandssportpsychologe Dipl.-Psych. Oskar Dawo als Kooperationspartner des Verbands mit gleichzeitiger Anbindung an Hochschule und OSP) beste Erfahrungen gemacht.
- Eine Bewertung der sportpsychologischen Arbeit im Spitzenverband sollte – wie bei den Bundestrainern – im 4-Jahresrhytmus erfolgen. Derzeit erfolgt i.d.R. eine jährliche bzw. auf bestimmte Wettkampfhöhepunkte ausgerichtete Analyse bzw. Berichterstattung.
- Es fehlt derzeit noch an empirisch abgesicherten Evaluationskriterien und Möglichkeiten bzw. Maßnahmen einer systematischen Qualitätssicherung und -optimierung der sportpsychologischen Arbeit im Spitzensport. Die Entwicklung einer Konzeption zur Evaluation von sportpsychologischen Interventions- und Betreuungsmaßnahmen ist jedoch dringend erforderlich. Das BISp plant deshalb für 2009 die Vergabe eines Forschungsauftrags zur Bearbeitung dieses wichtigen Themas.
- Systematische und regelmäßige Weiter- und Fortbildungsangebote für sportpsychologische Experten im Rahmen von Workshops, Arbeitstreffen, Erfahrungsaustausch und Supervision liegen derzeit noch nicht vor. Um hier Abhilfe zu leisten, werden derzeit von der asp, dem BISp und DOSB zahlreiche Veranstaltungen geplant und ab 2009 angeboten werden.
Sportpsychologische Betreuung im Behindertensport
- Eine systematische sportpsychologische Betreuung im Behindertensport ist zu intensivieren. Das BISp plant deshalb ab 2009 vielfältige Maßnahmen wie z.B. Workshops, Arbeitstreffen und Informationsveranstaltungen zur Realisation sportpsychologischer Betreuungsmaßnahmen im Behindertenspitzensport.
- Für die sportpsychologische Arbeit im Behindertensport fehlen barrierefreie Diagnostikinstrumente. Zudem ist die Güte / Einsatzmöglichkeit von „etablierten“ sportpsychologischen Verfahren und Methoden aus dem Nicht-Behindertensport für den Behindertensportbereich zu überprüfen und spezifische, an den Anforderungen des Behindertensports angepasste Messmethoden und Verfahren sind zu entwickeln.
Abschluss der Veranstaltung
Abschließend wurden noch einmal die wesentlichen Arbeitsergebnisse der Diskussion von Prof. Dr. Beckmann zusammengefasst.
Für das BISp verabschiedete PD Dr. Neumann die Anwesenden und bedankte sich für die rege Teilnahme, die wertvollen Vorträge der Referentinnen und Referenten und Anregungen aus der Diskussion.
Autorin: Gabriele Neumann (BISp)
